Für die einen ist es bei den wechselseitigen Besuchen die "große Freiheit", für die anderen, vorsichtig ausgedrückt, "eine ziemlich große Umstellung". Hier stehen die Nachmittage zur – mehr oder weniger - freien Verfügung, dort wird bis 17 Uhr gepaukt. Die Schulsysteme in Deutschland und Frankreich sind ein Beispiel dafür, dass es bei allen tatsächlichen und vermeintlichen Angleichungen der Lebensweise in beiden Ländern immer noch beträchtliche Unterschiede im Alltag gibt. Sie als Schüler zwei Wochen lang zu erfahren, ist für Christa Rühland nach wie vor ein spannendes Abenteuer, auf das es sich einzulassen lohnt. Fast 20 Jahre war die Lehrerin der "gute Geist" des
Schüleraustausches zwischen der Justin-Kleinwächter-Realschule und dem Collège Le Grand Clos in Montargis. Die Wurzeln des Schüleraustausches zwischen den Partnerstädten reichen noch deutlich weiter zurück, bis in das Jahr 1972. Vor allem Frigga Lamm war es, die an der damals noch einzigen "Städtischen Realschule" den Austausch vorantrieb und später nach "Abspaltung" der Anne-Frank-Realschule dort bis zu ihrer Pensionierung fortführte. 1981 zog das Gymnasium Augustinianum nach und begründete die Partnerschaft mit dem Lycée en Forêt.
Fast 20 Jahre hat Christa Rühland den Schüleraustausch an der Justin-Kleinwächter-Realschule betreut. In diesem Schuljahr hat ihr Kollege Hicham Ayadi die Aufgabe übernommen.
"Für die Schüler ist es ein großer Vorteil, dass der Austausch innerhalb der Städtepartnerschaft stattfindet", betont Christa Rühland. Nicht nur wegen der finanziellen Unterstützung, sondern auch, weil dadurch zum Ausdruck komme, dass es nicht nur ein Steckenpferd der Schule sei, sondern eine allgemeine Bedeutung für die Stadt habe. "110 Euro für zwölf Tage, wo gibt’s denn so was heute noch", ereifert sie sich. Inklusive Freizeitprogramm wie ein Besuch in Paris oder eine Stippvisite im Parc Asterix. Doch das touristische Beiwerk ist nicht das Wichtigste. "Das Leben in der Familie und der schulische Alltag stehen im Mittelpunkt", sagt die Lehrerin. Mit all den Problemen, die dazu gehören. "Es ist anstrengend und fordernd, sich in das Familienleben einzufügen." Vor allem das Wochenende, an dem es kein Programm gibt, sei nicht immer einfach. "Die meisten Schüler gewinnen an Selbstbewusstsein", hat Christa Rühland festgestellt. Doch es gibt auch immer solche, die mit den Unterschieden nicht klarkommen.
Die Zahl derjenigen, die "Mamas Rockzipfel loslassen" und sich auf das Abenteuer Schüleraustausch einlassen wollen, wird seit einigen Jahren geringer – auf beiden Seiten. "Die Schüler sind dann sofort dazu bereit, wenn es von den Eltern gefördert wird", ist Rühlands Erfahrung. Deshalb sieht sie es als vordringlich an, dort motivierend einzuwirken. Doch auch schulische Gründe tragen zum nachlassenden Interesse bei. In Frankreich ist Deutsch als Fremdsprache kaum noch gefragt, und an der JKR wächst Spanisch als Konkurrenz heran. "Wir müssen uns vielleicht auf kleinere Gruppen einstellen", vermutet sie. Ein organisatorisches Problem, mit dem sich die Lehrerin Rühland aber nicht mehr auseinandersetzen muss. Das letzte Schuljahr vor ihrer Pensionierung nutzt sie, um die "Amtsgeschäfte" an ihren jungen Kollegen Hicham Ayadi weiterzugeben "Das ist auch ein Zeichen, dass die Städtepartnerschaft nicht nur was für ältere Leute ist", hofft sie, dass sich wieder mehr Schüler motivieren lassen für das Abenteuer "Tour de France". Denn der Schüleraustausch, darin sind sich die Beteiligten einig, ist Herzstück und Zukunft der Partnerschaft zugleich.
VON THOMAS STARKMANN
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